„Der Zauberlehrling“: Hannovers feine Adresse für Weinschmecker



Goethe und der gute Geist des Weines

Wenn die beliebteste Ballade des deutschen Dichterfürsten als Namensgeber für ein Restaurant mit Weinkeller und Raucherzimmer herhalten muss, dann weckt das hohe Erwartungen.

Wie in Goethes magischen Versen hat sich im September 2011 in Hannovers Südstadt ebenfalls eine wundersame Verwandlung ereignet: In einem Eckhaus zwischen Gilde-Brauerei und Maschsee war jahrzehntelang „Der Fuchsbau“ untergebracht. Ein Gasthaus, in dem schon Heidedichter Hermann Löns sein Schnitzel aß. Doch das Bauwerk war marode und buchstäblich herunter gewirtschaftet. Roderick von Berlepsch erwarb es, ließ es niederreißen und errichtete darauf ein neues Gebäude, wieder mit einem Lokal darin. „Eigentlich hatte ich nur ein Restaurant über zwei Ebenen mit Weinkeller geplant“, erklärt von Berlepsch, „aber daraus wurde schnell ein Trio mit englischem Raucherzimmer, weil Hannover von jeher ja eng mit dem englischen Königshaus verbunden ist“. Auch der ungewöhnliche Name für die Erfüllung seines Jugendtraumes ist fix erklärt: „Ich bin ein großer Freund von Goethe, und der Zauberlehrling ist mein Lieblingsgedicht“, verrät von Berlepsch. „Außerdem zaubere ich selbst gern. Und schließlich wollen wir unseren Gästen die Zeit, die sie bei uns verbringen, in vielerlei Hinsicht verzaubern.“

Es konnte folglich nur eine Frage der Zeit sein, wann der junge Herr von Berlepsch ein eigenes Restaurant errichten und eröffnen würde. Immerhin war der Großvater ein angesehener Baumeister, und sein Enkel konnte mit acht Jahren bereits die Mädels mit seinen Kochkünsten am Kinderherd beeindrucken. Das Interesse für Wein hat Vater James von Berlepsch geweckt, der nach einem Schlaganfall den klugen Rat seines Arztes beherzigte, künftig doch nur noch Rotwein zu trinken. Auch der Patenonkel hat sein Scherflein dazu beigetragen: Er schenkte Roderick zum 18. Geburtstag drei Flaschen Mouton-Rotschild. „Ich wollte dann mehr über diese Weine wissen, habe viel darüber gelesen und begonnen, ein paar Flaschen zu sammeln“, erinnert sich von Berlepsch.


Der Geschenkkarton des Patenonkels war ein ideales Investment, denn weitere 18 Jahre später ist aus den drei hochkarätigen Bouteilles dank einer Erbschaft eine verittable Sammlung von rund 8.000 Flaschen geworden. Die lagern wohl temperiert in zwei begehbaren Klimaräumen im Weinkeller unterm Restaurant: Die reinste Rebenslust mit fast 5.000 meist deutschen Weißweinen (darunter fast 1.000 Edelsüße) auf der einen Seite, und rund 3.000 hochwertigen Bordeaux und alten Spaniern sowie vielen großen Formaten und kostbareren Raritäten auf der anderen Seite. „Hier kann man ungestört im kleinen Kreis feiern“, meint von Berlepsch. „Außerdem ist dieser Raum die perfekte Kulisse für unsere thematischen Weinproben, Degustations-Menüs und Weinseminare.“ Wer möchte, darf auch gern seinen Terrassenwein vom zurückliegenden Toskana-Urlaub oder den direkt beim Winzer in Neuseeland erstandenen Pinot Noir mitbringen und gegen ein Korkgeld von 15 Euro in angemessener Atmosphäre entkorken oder aufschrauben. Dieses offenkundig freundliche Angebot hat jedoch einen Haken: „Bei bestimmten Weinen behalte ich mir das Hausrecht vor, den ersten Schluck zu bekommen“, sagt von Berlepsch nicht ohne Augenzwinkern – und wohl wissend, dass es in seiner Sammlung hinterm Klimaglas keine einzige Flasche aus Italien oder Übersee gibt. Weil er sich mit diesen Weinen einfach nicht auskennt, wie er freimütig zugibt.

Stattdessen kann von Berlepsch mit einer ansehnlichen Auswahl von edelsüßen Tropfen aufwarten. „Ich mag das Ölige und diese marmeladeartige, schwere Süße dieser Weine“, bekennt von Berlepsch. Sein größter Wunsch: Irgendwann einmal die größte Süßweinsammlung Norddeutschlands zu besitzen. Und was ist mit den verbleibenden 4.000 Weißweinen? „Leider Gottes wird bei mir nicht so viel Riesling getrunken, wie ich am Lager habe. Erstaunlicherweise laufen Grau- und Weißburgunder sowie Auxerrois und auch Chardonnay sehr gut. Die traditionellen Rebsorten wie Bacchus, Gewürztraminer, Scheurebe und Silvaner muss man dem Gast erst wieder nahe bringen.“ Hier bemüht sich von Berlepsch mit jungenhaftem Charme und fundierter Weinkenntnis, so manche Vorurteile ausräumen – etwa solche, dass diese Weine zu süß oder eben nicht mehr zeitgemäß seien. Wenig Verständnis hingegen hat er, wenn er einem Gast anstelle des gewünschten Pinot Grigio einen guten Grauburgunder vorschlägt, und dieses Angebot mit den Worten „Diese Rebsorte mag ich nicht!“ kategorisch abgelehnt wird. Auch die angeberische Fachsimpelei über Tannine und Terroirs geht ihm fix auf die Nerven.

„Weinwissen kann man sich nur antrinken!“
Roderick von Berlepsch

Als Spross eines alten niedersächsischen Adelsgeschlechtes ist Roderick von Berlepsch seit Geburt an zuhause in der gehobenen Gesellschaft, tanzt auf Promi-Bällen und verkostet ab und an einen guten Tropfen mit dem britischen Weinjournalisten Stuart Pigott. Der 36jährige gelernte Restaurantfachmann und ausgebildete Sommelier imponiert nicht mit den Insignien seines Standes, er kokettiert lieber mit Understatement: „Ich bin ein sturmfester Hannoveraner und brauche keine teure Markenkleidung oder ein protziges Auto. Ich fahre den alten Jaguar von meinem Vater und einen klapprigen Land Rover. Ich könnte natürlich in Armani-Klamotten rumlaufen und im Porsche durch die Gegend fahren und so tun, als wäre ich der große Macher. Das bin ich aber nicht.“

Authentizität, Bodenhaftung und Kontinuität sind ihm wichtig – auch bei den Weinen, die er in sein Angebot aufnimmt: „Jeder Winzer muss mir über mehrere Jahre drei Weine in konstant sehr guter Qualität liefern, um schlussendlich in meine Weinkarte aufgenommen zu werden“, verlangt von Berlepsch. Gegenwärtig listet die neben je vier offenen Weißen und Roten rund 800 Positionen in allen Qualitätsstufen und aus verschiedenen Jahrgängen von insgesamt 33 Weingütern, darunter sowohl ein 2009er Grauburgunder von Dr. Köhler zu 26 Euro für die ganze Flasche oder eine 2005er Dorsheimer Pittermännchen Riesling Auslese vom Schlossgut Diel für 60 Euro als auch ein 2007er Wildenstein Spätburgunder Reserve von Bernhard Huber für 103,50 Euro.

Im Parterre über dem Weinkeller befindet sich das edel-rustikal eingerichtete Restaurant mit Showküche, in der mit hochwertigen Saisonprodukten aus der Region modern interpretierte deutsche Gerichte zubereitet und kunstvoll auf blütenweißem Porzellan angerichtet werden: Herzhafte Leibspeisen wie Gemüsemaultaschen mit Safranschaum, Rinderroulade mit grünen Bohnen oder Zanderfilet auf Rahmsauerkraut und Trauben-Kartoffelstampf harmonieren sehr gut mit einer Riesling Spätlese von Vollenweider oder einem Spätburgunder vom pfälzischen Weingut Klein. „Wir haben in Niedersachsen ein kleines Gebirge, etwas Küste und vor allem viele tolle Produkte, mit denen man fantastische Gerichte zubereiten kann, die deftig und zugleich zeitgemäß sind. Ich finde, dazu passen gerade die deutschen Weine ganz hervorragend“, sagt von Berlepsch. Im ersten Stock schließlich ist eine Raucher-Lounge im englischen Club-Stil eingerichtet – mit zehn Schließfächern fürs private Fläschchen, einem Humidor sowie Terrasse und Kamin, vor dem sich in aller Ruhe stilvoll ein guter Tropfen zur Zigarre genießen lässt.

Die Geister, die Zauberlehrling Roderick von Berlepsch rief, hat er übrigens deutlich besser im Griff als Goethes Protagonist. Zumindest sind sie ihm wohl gesonnen, denn bereits ein halbes Jahr nach der Eröffnung war das Restaurant jeden Abend ausgebucht – und ist es zur dunklen Jahreszeit noch immer. „Mein Konzept ist wesentlich besser angekommen, als von mir erhofft“, freut sich der Chef, der gerne Schüler ist. „Dieser Mix von elegant-rustikalem Restaurant mit anspruchsvoller deutscher Regionalküche und einem breiten, bezahlbaren Weinangebot sowie einem Raum, in den man sich in kultivierter Atmosphäre zum Rauchen zurück ziehen kann – das hat einfach gefehlt in Hannover!“

Der Zauberlehrling
Geibelstr. 77
30173 Hannover
Tel. 0511-89 96 36 33
Geöffnet: Di-Sa ab 18, So 12-15 und ab 18 Uhr
www.derzauberlehrling.com

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