Seattle – Das kulinarische Hoch im Nordwesten der USA


Seattle
„Si Si, ein doppelter Espresso“, wiederholt Toni hinter seiner „Dampfmaschine“ meine Bestellung. Und das mit diesem strahlenden Lächeln, das zu dieser Stadt gehört wie der Smiley – jenes gelbe Mondgesicht, das in den Sechziger Jahren in Seattle erfunden wurde und mittlerweile weltweit von T-Shirts und Autohecks grinst. Und es klingt, als würde Toni den Espresso einer rassigen Römerin auf der Piazza Navona servieren ­– und nicht mir an seiner mobilen Kaffee-Bar am Pioneer Square. Italienische Einwanderer wie Toni brachten ihr Nationalgetränk mit ins Land der begrenzten Unmöglichkeiten, die Yuppies und Workaholics (= schlaflos in Seattle) machten es populär und Seattle damit zur Espresso-Kapitale der USA. In der Nachbarstadt zum kanadischen Vancouver genießt man seinen „Latte“ (Espresso mit heißer, aufgeschäumter Milch), „Tall Skinny“ (Latte mit doppelter Milch light-Portion) oder „Yankee Dog with a white hat on a leash“ (auf US-Niveau verdünnter Latte) im Porzellan-Becher morgens, mittags, abends und kurz mal zwischendurch. An den zahlreichen mobilen Espresso-Theken an der Straßenecke ebenso wie in den allgegenwärtigen Coffee-Shops in den Shopping Malls oder entlang der Waterfront, einen Steinwurf vom Pioneer Square entfernt. Amerikanischer Kaffee, diese labbrige Brühe, bei der stets der Boden des noch labbrigeren Plastikbechers durchscheint, lässt die Leute hier kalt.

An der Waterfront pulsiert von Pier 36 bis 70 das Leben. Unter dem größten freitragenden Betondach der Welt des Kingdome (King County Multipurpose Domed Stadium) jubeln zur Saison Tausende ihren Seahawks Football-Helden oder Jon Bon Jovi zu; ein paar Piers, Einkaufszentren und Restaurantterrassen weiter, im Ye Olde Curiosity Shop and Museum am Pier 54, ist es so ziemlich alles angesammelt, was die Welt an skurrilen Merkwürdigkeiten zu bieten hat. Im Omnidome (Pier 59) wird eine atemberaubende Kino-Show vom Vulkanausbruch des Mount St. Helens im Mai 1980 geboten, und nebenan im Seattle Aquarium kann man an den Fenstern einer Unterwasserkuppel direkt in den Puget-Sound abtauchen.

Vis-á-vis der Uferpromenade spazieren Einheimische und Touristen über ein paar Treppenstufen bequem ins Zentrum der Stadt, zum Pike Place Market (die kulinarische Kasba des pazifischen Nordwesten), an dessen Rändern sich schicke Boutiquen, Designerläden und Szene-Bars drängeln – und wo Starbucks 1971 seinen ersten Coffee-Shop eröffnete. BildDieses quirlige Quartier mit seinem dreistöckigen, überdachten Marktplatz aus dem Jahre 1907 beherbergt einen der ältesten Frischmärkte des Landes – das Public Market Center. In den halboffenen Arkaden und dem verwinkelten Labyrinth von Ständen, Läden, Treppen und Gängen ist alles versammelt und gestapelt, was das Herz und der Gaumen begehren: marokkanische Teppiche, schottische Ritterrüstungen, japanische Manga-DVDs, Autogrammkarten von Nirvana (noch mit Curt Cobaine) und Jimi Hendrix – Devotionalien von Musikern und Söhnen dieser Stadt, die mit hartem Gitarren-Rock und Grunge (engl. Dreck; Sound of Seattle) weltberühmt geworden sind.

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Vor allem aber türmen sich im Basar der Sinnlichkeiten die Berge auf Eis gelegter Leckerbissen – ein Meer von Krabben, Jacobsmuscheln, Garnelen, Austern und natürlich Wildlachs (Pacific King Salmon), fangfrisch vom Kutter. Vor der Küste Alaskas, im Yukon oder Columbia River werden die besten Lachse der Welt gefischt.

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Ein paar Stunden nach dem Fang lernen sie auf dem Pike Place Market zum Vergnügen der Kunden das Fliegen. Der Spruch auf dem T-Shirt des Verkäufers warnt noch: „Caution! Low-Flying Fish!“ (Vorsicht! Tief fliegender Fisch!) und da holt er schon aus und schleudert den Edelfisch einmal quer über die Auslage. Einer der Angestellten fängt ihn gekonnt in der Luft und ratzfatz ist der Lachs filetiert und eingewickelt, um später auf dem Grill in einer würzigen Marinade zu schmoren.

Seattle, diese kleine, sympathische Großstadt, ist wie eine zum Leben erwachte Erinnerung an Lebensfreude, Lebensqualität und die Freundlichkeit im Umgang mit den Menschen. Seattle ist nicht nur das kulinarische Hoch im Norden der amerikanischen Westküste, diese Stadt hat einfach Stil und guten Geschmack. Die „Emerald City“, die auch im Winter smaragdgrüne Stadt (wie Tourismusprospekte sie nennen), ist mit ihren gerade einmal 610.000 Bewohnern die kleinste unter den Metropolen der USA und die größte im Staate Washington. Den US-Amerikanern jedenfalls gilt die Hafen- und Universitätsstadt zwischen hohen Bergen und flachen Buchten mit ihrem provinziellem Charme und einem Schuss Sixties-Mentalität als die „lebenswerteste City“ im ganzen Lande (San Francisco stand bislang an dritter, New York an 50. Stelle). Ein Wochenende in dieser Stadt kann wie ein Schaumbad für die Seele sein, ein Ausflug in die Cascade-Mountains oder auf eine der zahlreichen Inseln im Puget Sound wie eine warme Dusche für den Körper. Das muss an der unvergleichlichen, pulsierenden Mischung aus Koffein, Kreativität und Klima liegen!

Statistisch gesehen wird in Seattle nicht nur mehr und besserer Kaffee getrunken und reichlich Lachs gegessen, hier ankern auch die meisten Privatboote, werden die meisten Bücher gelesen und landesweit die meisten Sonnenbrillen pro Augenpaar gekauft. Und das trotz des sprichwörtlich milden, aber triefnassen Wetters. Der typische Seattleite (auszusprechen wie „Seattle light“), heißt es, geht nie mit Schirm, aber immer in Gore-Tex-Jacke aus dem Haus. Und auf die Frage „Was kommt nach zwei Tagen Regen?“, hört man nicht selten: „Montag!“. Nur – in Seattle regnet es eben anders als sonst wo: weicher, feiner, eleganter vielleicht. Ohne Zweifel: Seattle genießt, trotz oder gerade wegen des Regens, einen exzellenten Ruf. Diese Stadt ist angesagt wie keine andere in den Staaten. Sie boomt an allen Ecken und Kanten und lockt mit einer prosperierenden Wirtschaft, einer Arbeitslosenquote von unter 5 % und einem erstklassigem Freizeitangebot unablässig Zuwanderer aus dem Osten und Süden der USA an. Dabei ist Seattle gerade einmal 143 Jahre alt. Damals gehörte das Land den Küsten-Indianern der Duwamish und Suquamish. Ihrem Häuptling Seathl konnte ein gewisser Henry Yesler zahlreiche Grundstücke abluchsen für seine Sägewerke und Piers, der heutigen Waterfront. Dem Stammes-Chief zu Ehren wurde die Siedlung dann Seattle genannt, in der einst nur ein paar Holzfäller und Pelzhändler kampierten.

Als dann aber im Juli 1897 das Dampfschiff „SS Portland“ mit einer Tonne Gold vom Klondike anlegte, zog es Tausende im Goldrausch nach Seattle, das fast über Nacht zum bedeutendsten Handelszentrum im Nordwesten aufstieg. Die Siedler und Glücksritter von heute kommen nicht mehr über den Oregon-Trail, sondern auf der Interstate 90 in die Stadt. Hauptsächlich aus Kalifornien und dem Nachbarstaat Oregon. Am schlimmsten aber, sagen die Seattleites, sind die Kalifornier: sie sind geldgierig, ordinär und exzentrisch. Also das genaue Gegenteil von ihnen. Aber das kann morgen schon anders sein. Das junge Seattle hat nicht nur Zukunft, in Seattle wird auch Zukunft gestaltet. Wie etwa 1962, als die Weltausstellung unter dem Motto „Menschen im Zeitalter der Raumfahrt“ zu Gast war. Der 184 Meter hohe und futuristische Aussichtsturm „Space Needle“ (Seattles Wahrzeichen mit einer Spitzenaussicht auf die schneebedeckten Gipfel des 4.800 Meter hohen Hausberges Mount Rainier) wurde extra zu diesem Anlass in die Nachbarschaft des Lake Union gebaut. Diese Stadt ist ein echter Trendsetter und Schaltzentrale des digitalen Zeitalters. Hier sind die Hauptquartiere weltweit operierender Industrieunternehmen wie etwa Microsoft und der Flugzeugbauer Boeing.

Apros pos Verkehr: Es soll ja Leute geben, die einen noch in der Waschstraße überholen wollen – Menschen also, die es immer rasend eilig haben. In Seattle hat man dieses Phänomen und andere Verkehrsprobleme clever gelöst: mit sog. „Express Lanes“ und „Car Pool Lanes“, gesonderte Fahrbahnen neben den zweispurigen Autobahnen rund ums Zentrum. „Express Lanes“ sind so entspannend wie Espresso und für den Berufsverkehr morgens nur stadteinwärts und am Abend nur aus der Stadt heraus befahrbar, haben weniger Ausfahrten und verlaufen 3 bis 4-spurig parallel zum Motorway (Autobahn). „Car Pool Lanes“ sind die linke Autobahnspur, eignen sich prima zum Sonnenbaden im Kabrio und sind reserviert für Fahrzeuge mit mehr als zwei Insassen, Busse oder Motorräder. Wer zu Fuß unterwegs ist, nimmt den Innenstadtbus – was sich anbietet, denn Parkplätze sind rar gesät und die Gebühren dafür meist derart hoch, dass sie mitunter den Wert des Autos übersteigen, das darauf steht. Kurzum: Seattle ist eine Stadt, die sich selber mag. Und gegen den ständigen Regen und die schlechte Laune, da sind sich die Seattleites einig, hilft nur eins: Espresso! Am besten einer von Toni.

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