Smalltalk: Christoph Elbert über seine neue Gastrobar „boca“



„Wir wollten es bisschen kuschelig haben“
, sagt Christoph Elbert schmunzelnd. Wenn die nostalgische Glühlampe überm rabenschwarzen Tisch in der ebenso rabenschwarzen Ecke hinterm Bartresen nicht voll aufgedimmt wäre, ich könnte den fast zwei Meter großen Chef vom „11A“ und „Ihmerauschen“ am Lindener Küchengarten direkt mir gegenüber nur erahnen.Es ist stockfinster im „boca“, der neuen Restaurant-Bar von Verena Schindler, Christoph Elbert und Oliver Schröder gleich hinterm Welfenplatz im Stadtteil List. Die einzigen Farbtupfer im schummrigen Innern eines ehemaligen Imbiss-Lokals sind ein paar orangefarbene Holzstühle, die Barhocker aus drei aufeinander gestapelten dunkelblauen Wasserkisten mit – natürlich – schwarzem Lederpolster und die blau-weißen Kacheln hinter offenen Küche gleich vorn am Eingang. „Wir wollten weg von hell und klar“, erklärt Elbert noch, und sein Kompagnon Oliver Schröder ergänzt: „Im Dunkeln bekommt doch alles erst seine richtige Wirkung. Und man kann sich viel besser aufs Essen und Trinken konzentrieren“. Ach so, ja, das leuchtet ein!

Gastrobar boca in Hannover 1
„Olli ist unser Restaurant-Kreator“, plaudert Elbert scherzhaft mit dem ihm ureigenen Sinn für kernige Begriffskompositionen. „Olli baut und setzt die Pläne um, die wir gemeinsam entwerfen. Das hat er schon mit der ‚11’ und mit dem ‚Ihmerauschen’ gemacht.“ In der zum Restaurant „11 A – Küche mit Garten“ gehörenden Weinbar „Ihmerauschen“ stand Oliver Schröder bislang auch hinterm Tresen. In den zurückliegenden vier Monaten allerdings war er zudem mit Bohren, Hämmern, Sägen und dem Abflämmen von Holz beschäftigt, um die wortwörtlich brandneue Gastrobar „boca“ so düster, aber auch so originell und unvergleichlich einzurichten.

Gastrobar boca in Hannover 4Ein bisschen „spooky“ allerdings wird es auf dem Weg zu den Toiletten, wo die „Kleidergalgen“ hängen: wie ein Ruhrpott-Kumpel kann man Jacken und Mäntel auf einem Bügel aufhängen, der dann mit einem Seilzug bis unter die Decke gehievt wird. Auch so etwas gab und gibt es noch nirgendwo in Hannover! Und eine so genannte „Gastrobar“ ebenso wenig. Aber was will uns dieses Kunstwort sagen? Elbert erklärt gerne und ausführlich: „In unserer neuen Gastrobar behandeln wir das Essen und die Getränke auf einem gleichberechtigt hochwertigen Niveau. Es gibt eine unkomplizierte und bezahlbare vegetarische Küche in Top-Qualität, und wir haben schon bald über 100 Gin-Sorten, die wir ihrem Charakter nach floral, herbal, vegetal oder ‚spiced’ noch ein bisschen ‚ankicken’ mit dem einen oder anderen Gewürz oder Tonic“. Und was bedeutet „boca“? In Barcelona, lerne ich, meint man damit „Mund“. Für Christoph Elbert steht „boca“ aber auch für „Essen, Trinken, Sprechen und Küssen“. Klingt einladend!

Fürs Essen im „boca“ hat Elbert sich etwas Besonderes ausgedacht: es gibt immer und nur ein einziges wöchentlich wechselndes vegetarisches Feinschmecker-Menü in drei Gängen für 19,50 €, das sich mit einem edlen Stück Fisch wie aktuell Filet vom Winter-Kabeljau für 8 €, gebratenen Wachtelbrüsten (7 €) oder einem Dry Aged U.S. Strip Loin Steak (15 €) „upgraden“ lässt, wie es auf dem beidseitig bedruckten Speisen- und Getränkeblatt heißt. Einzelne Gerichte oder Gänge aus diesem Menü werden nicht angeboten: „Du kannst alles stehen und liegen lassen, was Du nicht essen willst“, erklärt Elbert, „bestellen kannst Du nur das komplette Drei Gänge-Menü“.

En detail wäre das momentan zu haben mit: Vorspeise aus doppelter Kraftbrühe von Roter Beete mit zart-scharfem Meerrettich-Joghurt-Schmand und geeistem grünem Apfel, Hauptgang mit Ofenkartoffel-Sud mit Bratkartoffel, blauen Kartoffel-Chips, Kartoffelschaum mit brauner Butter, geschmorten Waldpilzen, Frühlingslauch und Kräutersalat sowie zum Dessert vielleicht ein paar Ecken Rohmilchkäse mit Feigensenf, Brot und Trauben.

boca 6
Wer kocht denn in der kleinen, offenen Küche mit Blick auf die Straße? „Für unser neues Projekt haben wir mit Lukas Heimsoth und Constantin Syring zwei junge Köche aus dem einzigen Sternerestaurant der Region, die ‚Ole Deele’ in Großburgwedel, begeistern können“, sagt Elbert und winkt den beiden am Herd zu, die gerade emsig brutzeln und schnippeln für eine geschlossene Gesellschaft am Abend. Am liebsten arbeiten sie, erfahre ich noch nebenbei, mit feld- und gartenfrischen Zutaten aus der Region, wenn möglich auch in Bio-Qualität.

Und warum gibt es keine einzelnen Vorspeisen, Hauptgerichte und Desserts? „Das ist für uns eine Philosophie – und eine Kostenfrage“, klärt mich Elbert auf. „Wir wollen immer das größtmögliche Resultat mit dem kleinstmöglichen Kostenaufwand anbieten. Würden wir hier viele einzelne Gerichte auf die Karte schreiben, müssten wir Abstriche in der Qualität des Kochens machen, weil wir dann nicht mehr soviel Zeit dafür hätten. Unser ‚boca’-Menü besteht aus bis zu 15, 16, 17 einzelnen Produkten, die wir versuchen, so gut es geht auszusuchen und zuzubereiten. Für alles, was da noch dazu kommt, bräuchten wir entweder mehr Personal oder müssten Einschränkungen bei der Qualität der Produkte akzeptieren. Beides wollen wir nicht! Was wir wollen, ist, ein tolles Menü mit den besten Zutaten zum bezahlbaren Kurs anbieten – mit gewissen Umständen, sprich: Du kannst hier nicht herkommen, und nur einen Salat essen wollen.“ Das ist doch mal ein kompromissloses Konzept!

Gastrobar boca in Hannover 2
Auch beim Trinken geht Christoph Elbert eigene und auch neue Wege. Über die berauschende Gin-Auswahl mit bald 100 Sorten wurde ja schon gesprochen. Erwähnt werden sollte aber auch, dass man die recht unterschiedlichen Charaktere dieses wieder in Mode gekommenen Destillates ganz genüsslich kennen lernen kann – etwa mit einem „Gin Flight“, der mit drei verschiedenen Ginsorten, drei verschiedenen Tonics und saisonalen Aromen für 11 € ausgeschenkt wird.

boca 5
Es gibt auch Wein, sogar unter eigenem Namen und dem Etikett „boca Selection“: „Wir haben mit namhaften Winzern aus Deutschland, Italien, Portugal und Spanien gesprochen und mit ihnen jeweils einen Wein kreiert, der super auf vegetarisches Essen zugeschnitten ist“, sagt Elbert und dreht die Speisenkarte, also das Papierblatt, um. Auf der Rückseite vom Drei Gang-Menü stehen die Weine, ein gutes Dutzend in Weiß, Rosé und Rot (jedes 0,1 Glas kostet 3 €, die Flaschen pauschal 19 €) – unter anderen ein Weißer Burgunder von Tina Pfaffmann aus der Pfalz, ein Solà Fred Granacha Monsant aus Spanien und ein Tinto Turiga Nacional von Quinta de Chocapalha aus der Estremadura in Portugal. Zusätzlich zur „boca Selection“ soll es in Kürze auch eine kleine, gesonderte Karte geben mit rund 30 weiteren Topweinen, die wiederum überwiegend von den besten Lagen in Deutschland, Spanien und Portugal kommen. Wer mag, kann dazu am Barfood mit Käse, Aufschnitt und Dips knabbern.

Gastrobar "boca" in Hannover 3

Zum Frühjahr wird dann auch die Terrasse möbliert mit bunten Metallstühlen und -tischen, die von Olli noch ihr eigenes „boca-Branding“ bekommen. Trotz der rund 50 Plätze draußen und gerade wegen der nur 40 Sitzgelegenheiten drinnen empfiehlt Christoph Elbert zu reservieren: „Am besten für 17 bis 20 Uhr oder ab 20 Uhr“.

boca 7
Übrigens: Ums Sprechen und Küssen müssen Verena Schindler, Christoph Elbert und Oliver Schröder sich (hoffentlich) nicht kümmern. Dafür sind die Gäste zuständig.

boca
Spichernstr. 7/ Eingang Kriegerstraße
30161 Hannover
Tel. 0511-64 20 97 78
Geöffnet: Di-Sa ab 17 Uhr
www.boca-gastrobar.de

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