Rückspiegel: Der Tiedthof am Steintor in Hannover


Tiedthof Hannover

Lifestyle statt Klassenkampf

Mitte Oktober 1999 öffnete der Tiedthof im Herzen Hannovers seine Pforten –
und präsentierte den Besuchern einen in der niedersächsischen Landeshauptstadt
bislang einzigartigen Mix aus Medienagenturen, Modeateliers und Gastronomie.

Über Jahre hinweg lag der denkmalgeschützte Gebäudekomplex aus der Jahrhundertwende zwischen Steintorviertel und Cinemaxx brach und rottete als Industrieruine vor sich hin. Der Hamburger Investor Christian Peters erkannte Attraktivität und Potential der Lage (Stadtzentrum, Kestner-Kunstmuseum und das Medienzentrum Hannover befinden sich in direkter Nachbarschaft) und ließ das frühere Gewerkschaftshaus samt Lagerhallen vom Architekten Prof. Dr. Georg Klaus entkernen und nach alten Bauplänen sanieren. 25 Millionen Mark flossen in das Prestigeobjekt, das zahlreiche innovative Konzepte miteinander zu verknüpfen versucht. Vor allem junge, kreative Firmen wollte man für die insgesamt 23 Loftbüros und Ateliers gewinnen.

Die Metamorphose vom ehemaligen „Haus der Arbeit“ zum „Hof der Freizeit“
ist gelungen: Auf vier Etagen und in den drei mediterran gestalteten Innenhöfen
haben sich u.a. der Bildungsverein, Fotografen, Werbeagenturen, Software-Entwickler,
die Deutsche Fernseh-Anstalt (DFA) mit einem Internetcafé, Inneneinrichter, ein Goldschmied, die Tea Company sowie ein Coffee-Shop, eine Kunstkneipe,
ein Restaurant und eine Snack-Bar eingemietet.

Einer der ersten Mieter war Hüseyin Beypinar mit seinem „Sufi-House“.
Sufismus ist eine Freidenker-Mystik ohne Glaubensbücher und mit der Philosophie
von „Jeder ist willkommen“. Die Shop-in-Shop-Architektur ist  ein munteres
Ensemble aus Friseur, Udopea-Headshop, Club-Fashion und exklusiver
Modeboutique, das hauptsächlich junge Kundschaft anspricht. „Unsere Philosophie
erlaubt es, Module miteinander zu kombinieren, die sonst nicht zusammenpassen“, skizziert Beypinar sein Konzept. Das gastronomische „Modul“ im Bunde ist die
Filmbar im Untergeschoss. Auf Campingplatz-Mobiliar können sich Kunden
tagsüber mit Videoclips die Wartezeit beim Friseur vertreiben, am Abend flimmert
Kultkino à la Blues Brothers über die Leinwand. Die Küche bietet Kleinigkeiten,
Durstige werden mit Softdrinks, Energizern und (Hanf)Bier versorgt.

Für die Belebung der Innenhöfe sorgt eine Mischung unterschiedlicher Lokale, die miteinander harmonieren und nicht gegeneinander konkurrieren sollen. „Wir wollten durchweg neue Gastronomie-Konzepte auf dem Hof haben“, erklärt Kerstin Olderog vom Tiedthof-Management. „Gesehen und auf Anhieb verstanden“, meint Miriam Ehrhorn vom „Moca“, Hannovers erster Coffee-Bar, die sie mit ihren Partnern Ricus Aschemann und Andreas Wolff führt. Im Angebot sind neben zahlreichen Espressospezialitäten (auch als „Coffee to go“) und zehn verschiedenen Arabica-Kaffeesorten von den besten Hochlagen auch frisch gepresste Säfte (Alkohol wird nicht ausgeschenkt) sowie Muffins, Croissants und belegte Ciabatta. Für zuhause kann man sich u.a. mit einer neuen Espressomaschine oder hübschen Kaffeetassen eindecken. Die Bar & Shop-Idee hat das Berliner Trio aus den USA importiert und in Hannover mittlerweile erfolgreich etabliert.

„Es herrscht ein sehr gutes Klima nicht nur unter den hier ansässigen
Gastronomen, sondern unter allen Nachbarn“, findet Miriam Ehrhorn und fügt hinzu:
„Der Lokalmix ist vom Management wohlüberlegt ausgewählt, so dass man sich
nicht gegenseitig die Kunden wegschnappt“. Gelegentlich trifft sich die Nachbarschaft
zum Kaffee im „Moca“ und kommt miteinander ins Gespräch. Unterschiedliche Öffnungszeiten gewährleisten einen regelmäßigen Gästeflow, verhindern
unnötige Konkurrenz und schaffen Synergieeffekte.

Ein Standortvorteil, den Andora und Della Bernhardt clever genutzt und
umgesetzt haben. Die beiden Künstler arbeiten tagsüber in ihrem Atelier „Studio 4“
auf dem Hofgelände und betreiben am Abend die Kunstkneipe „Stairway to Heaven“.
Ihnen fehlte eigentlich nur noch ein geeigneter Showroom für ihre kunterbunten
Collagen und Installationen. Und den haben sie in der Galerie-Bar gefunden.
Das Gesamtkunstwerk trägt in jedem Detail ihre unverwechselbare Handschrift:
Von den mit echten Dollars beklebten Barhockern bis zum hohen Flaschenregal
hinter der Theke. An der Bar gibt es Beck’s aus der Flasche, Cocktails und Longdrinks sowie einige Malt Whiskys. Heißgetränke werden im selbst entworfenen Porzellan serviert; die auf 99 Exemplare limitierte Auflage mit Ascher, Cappuccino- und Espressotasse können Kunstsammler im Set für 500 Mark erwerben. Käuflich sind auch die
ausgestellten Bilder. Die Galerie wird für Performances und Lesungen sowie für
Musik-Veranstaltungen mit Moderatoren von Radio Antenne genutzt. „Bei uns
treffen sich die Gäste, bevor sie zum Essen ins ‚Market’ gehen“, sagt Della Bernhardt. „Und danach schauen sie noch einmal auf einen Cocktail oder zwei vorbei“.

Das Restaurant „Market Bar & Kitchen”, betrieben von der Hamburger Gastro Consulting („Bolero“, „Alsterpalais“), ist der dritte bemerkenswerte Gastro-Spot im Tiedthof-Quartier – ein Schlemmer-Tempel mit einer Bar im Entrée und einer zehn Meter langen Holztafel inmitten der 260 Quadratmeter großen Halle, in der einst Druckerpressen rotierten. Interessant für hungrige Voyeure: die Showküche an der Stirnseite, wo eine ganze Köchekompanie herzhafte Steaks, Seafood vom Grill, Salate und Pastagerichte zu durchweg günstigen Preisen zubereitet. Die rückwärtige Lage auf dem Gelände sei zwar nicht optimal, so Betriebsleiter Udo Ganz, „aber durch den offenen Hofcharakter und das nahe Medienzentrum eröffnen sich interessante Perspektiven“. Zudem ziehe das „Market“ viele Kunden an – der gewünschte Synergieeffekt.

„Zusammenhalten und Beleben“ ist die Devise der Tiedthof-Mieter, die sich
mittlerweile zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen haben, um eine Kommunikationsbasis zu schaffen und künftig gemeinsame Veranstaltungen zu planen wie etwa ein Sommer- bzw. Hoffest, Jazz-Frühschoppen am Sonntag oder Live-Konzerte unter freiem Himmel. Angedacht sind zudem regelmäßige Meetings im Sinne eines Runden Tisches, an dem auch Werbekonzepte wie beispielsweise ein Kinowerbespot realisiert werden könnten. Bislang gibt es nur einen DIN A 4-Flyer, grafisch umgesetzt von der hofinternen Werbeagentur „Medienharmonists“, die ihre Räumlichkeiten für etwaige Mietertreffen bereitstellt und sich zunehmend zu ihrem Sprachrohr entwickelt. „Aktionen oder Veranstaltungen werden nicht nur von der Gastronomie geplant, das machen und zahlen wir schon alle zusammen“, erklärt Miriam Ehrhorn vom „Moca“.

Mit „wir“ ist die Interessengemeinschaft der Mieter gemeint. Das Engagement des Tiedthof-Managements hingegen ist bislang verhalten. „Wir möchten, dass jeder
die Chance bekommt, sich darzustellen“
, erklärt Kerstin Olderog die Unternehmens-Philosophie. Man sei für alles offen und nichts werde blockiert. „Einige Ideen zu
Aktionen kommen von uns, ich bin jedoch daran interessiert, dass die Initiative von
den Mietern ausgeht“
, so Olderog weiter. Man befürworte die Einrichtung eines
Runden Tisches, und es gebe auch Überlegungen, sich finanziell an Imagewerbung
zu beteiligen bzw. Kontakte herzustellen, solange es um gemeinsame und
nicht um die Interessen Einzelner ginge.

„Market“-Leiter Udo Ganz sieht das ganz anders: Er bedauert nicht nur, dass sich keine Möglichkeit bietet, mit zu entscheiden, wer als Mieter in Frage kommt und wer nicht – denn immerhin sei ja der ideale Mix entscheidend für die Attraktivität des Hofes und damit auch für das wirtschaftliche Überleben der Mieter. „Bei gemeinsamen Aktionen ist das Tiedthof-Management auch nicht besonders kooperativ“, befindet er. „Wir müssen die Dinge selber in Hand nehmen, weil sonst nichts kommt“, meint auch Frauke Engel, Sprecherin der Mediengruppe im Tiedthof und der Interessengemeinschaft.
„Es gibt hier eine wohlüberlegte Auswahl von neuen Konzepten und
jungen Teams. Aber so ein Projekt lebt ja von der Gemeinsamkeit – und da
fühlen sich, wie ich weiß, einzelne Partner vom Management allein gelassen“
, sagt sie.

Allgemeiner Unmut hat sich bereits nach der Eröffnungsveranstaltung mit 500 VIP-Gästen Mitte Oktober geregt: Angekündigt war eine „Initialzündung“, mit der Durchführung der Premiere jedoch wurde pikanterweise nicht etwa die gastronomische und kreative Workforce auf dem eigenen Gelände beauftragt, sondern ein hannoversches Medienbüro und ein „Hof-fremder“ Caterer. „Berauschend war das nicht“, beurteilt Ganz die Aktion. „Es war ganz klar eine Veranstaltung für das Management und nicht für den Tiedthof. Wenn man mit den finanziellen Mitteln, die für den VIP-Empfang aufgewendet wurden, gemeinschaftlich etwas auf die Beine gestellt hätte, wäre sicherlich für alle mehr dabei herausgekommen.“ Und auch Frauke Engel ist enttäuscht: „Im Grunde war das eine Selbstfeier des Managements. Im Planungsvorfeld und auch am Abend selbst wurde viel zu wenig auf die Interessen der Mieter eingegangen. Der versprochene Knalleffekt ist ausgeblieben.“ Von Vermieterseite urteilt Kerstin Olderog dazu: „Die Initialzündung hat es durch die Eröffnungsveranstaltung durchaus gegeben. Das Tiedthof-Konzept ist angenommen worden und der Gästefluss reißt seitdem nicht mehr ab.“ Mehr noch:
„Mit der selbst finanzierten Eröffnungsveranstaltung haben wir von Seiten der PR alles abgedeckt und haben gleichermaßen aber auch versucht, uns vom Management
dabei herauszunehmen und so gut es ging die Läden in den Vordergrund zu stellen.“

Offensichtlich gibt es im Mikrokosmos Tiedthof, allen offenen Strukturen und kurzen Kommunikationswegen zum Trotz, noch deutliche Verständigungsschwierigkeiten zwischen Mietern und Management. Fakt ist: Der Tiedthof schlummert noch wie Dornröschen vor sich hin, viele Hannoveraner haben nicht einmal eine Ahnung
von seiner neuen Existenz. Konzertierte Werbeaktionen und interessante
Events könnten ihn wach küssen. Aber bislang ist erst ein halbes Jahr in den
Hof gezogen und neue Konzepte brauchen Zeit, permanentes Engagement
und kreativen Input, damit sie nicht nur harmonieren, sondern langfristig auch funktionieren. Darüber hingegen sind sich alle Beteiligten jetzt schon einig.

erschienen im Fachmagazin FIZZZ
in der März-Ausgabe aus dem Jahr 2000
FIZZZ 3/2000

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