Rückspiegel: Hannovers Tafelrunde


Heinrich Stern & Co.

Es war einmal 1996…

…als in Hannover die „Tafelrunde“ gegründet wurde. Und so war das damals:

Am 1. Februar sind die sieben Ritter und Retter des guten Geschmacks zusammengekommen, um es allen zu verkünden: Fortan stehen mit Helmut Amman („Landhaus Amman“), Rainer Feuchter („Feuchter’s Lila Kranz“), Andreas Gehrke („La Forge“, Bad Nenndorf), Jürgen Piquardt („La Provence“), Ekkehard Reimann („Clichy“), Heinrich Stern („Stern’s Restaurant“) und Wilhelm Strohdach („Hopfenspeicher“, Isernhagen) „nahezu vollständig die am meisten ausgezeichneten, die innovativsten, erfahrendsten und kreativsten Gastronomen der Region“ (wie es in der Pressemitteilung zu dieser denkwürdigen Zusammenkunft heißt) gemeinsam am Herd.

Sieben Individualisten auf einen Streich, die neben dem Image auch die Ideale der heimischen Spitzengastronomie bewahren und verteidigen wollen. Trotz oder gerade wegen des täglichen Wettbewerbs – und weil besondere Zeiten eben ungewöhnliche Projekte erfordern. Wenn das nur nicht den sprichwörtlichen Brei verdirbt.

„Wir wollen nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander arbeiten“, bringt Rainer Feuchter das Motto der Unternehmung auf den Punkt. Also einer für alle und alle für einen! Die sieben Musketiere der fünf hannoverschen Restaurants und zwei feinen Adressen aus dem Umland haben sich gefunden, um im Schulterschluss motiviert und munter für Schlemmer- und Lebensfreude eine Lanze zu brechen und all denen kulinarisches Paroli zu bieten, die Niveau mit Nivea verwechseln.

Nein, im Ernst: die Idee ist mutig und das Engagement im Angesicht der allgemeinen Rezession bewundernswert. Initialzündung dazu war die Unzufriedenheit der Kochkünstler über die zunehmend dürftige Qualität auf dem Maschsee- und Schützenfest und großer Festivals, die mit gutem Essen werben. Seit Sommer 1995 hat man an diesem Projekt gebastelt, das künftig mit eigenen Veranstaltungen ein einzigartiges Forum sein will für Sommerfeste, Silvesterbälle, Empfänge und einem Tafelrunden-Zelt anlässlich der CeBIT ’97. Darüber hinaus ist auch eine eigene Produktlinie geplant, mit Feinkost und hausgemachten Spezialitäten der beteiligten Adressen sowie die sommerliche Schlemmeraktion „Le jeune Gourmet“.

Zusammengefunden hat sich die „Interessengemeinschaft zur Betreibung
kulinarischer Feste“
(so der Titel der GbR) nicht etwa nur aus der Not, sondern
auch, weil man sich der regionalen Küche verpflichtet fühlt und weiterhin Qualität
vom Besten garantieren will. Und weil „es sonst hierzulande niemand anderes
tun würde als sie“
, wie das Pressepapier aufklärt.

Schau an! Als wenn es nicht noch andere gäbe, die Tag für Tag von frühmorgens auf dem Großmarkt bis spätabends am Herd in Schweiß geraten und sich ihre Kreativität und Spitzenleistung anspruchsvoll aus den Handgelenken rühren. Und das alles auch für den Gast und das eigene Unternehmen. Aus diesem Grunde haben beispielsweise Norbert Schu („Die Insel“) und Gerd Weick („Gastwirtschaft Fritz Wichmann“) freundlich abgelehnt, als die Bruderschaft in spe sie für ihr neues Projekt anwerben wollten. „Ich habe erstens zuviel Arbeit, und zweitens will ich mich auf mein Projekt ‚Die Insel’ konzentrieren“, kommentiert Norbert Schu auf Nachfrage. Und Gerd Weick entgegnet: „Für mich ist wichtiger, dass ich hier im Hause präsent bin“.

Wie auch immer: den Tafelbrüdern geht es ja um den Erhalt der Top-Gastronomie, und das im möglichst sinnesfreudigen Rahmen. Den glanzvollen Auftakt machte am 8. März 1996 die Premieren-Veranstaltung „Königlich tafeln“ in der Orangerie der Herrenhäuser Gärten. Ein perfekt organisiertes Schmecktakel für 600 Gäste an langen Festtafeln unter der Projekt-Leitung von Heinrich Stern wurde da inszeniert, mit kulinarischer Kunst und Kultur gemäß dem Stande und mit einem Gourmet-Menue in sieben Gängen.

Scan Tafelrunde

Jeder Gang wurde von einem Tafelbruder als Visitenkarte der eigenen Küche zubereitet: vegetarische Köstlichkeiten von Jürgen Piquardt, Terrine mit pimentgebeiztem Lachs von Andreas Gehrke, Steinhuder Hechtauflauf mit Riesengarnelen von Helmut Amman, schottischer Lammrücken von Ekkehard Reimann und Wilhelm Strohdach, klare Tomatensuppe mit Pilzravioli sowie Brillat-Savarin von Rainer Feuchter und Heinrich Stern mit einem abschließenden Dessert-Roulette – serviert mit reichlich Champagner von Taittinger, Bordeaux blanc und einem 93er Chateau Tour sowie seichter Jazz-Livemusik. Alles inklusive für satte DM 198. Für die Gaumenfreude zu teuer, für so manches Ego gerade recht und billig.

So bemerkenswert und bislang einmalig die Idee zu Hannovers „Tafelrunde“ auch ist – ich meine, einige Plätze wären noch frei in dieser vornehmen deutschen Runde. So vermisse ich den weltoffenen Gedanken, wenn es schon darum geht, im Vorfeld und während der gesamten EXPO sich als kompetenter Gastro-Partner den Gästen aus aller Welt zu empfehlen. Zur Besetzung zählen gewiss auch kompetente Küchenmeister anderer Nationalitäten, die in Hannover auf hohem Niveau kochen. Und wünschenswert wäre es zudem, wenn künftig auch „Tafelschwestern“ sich dazu gesellen würden!

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